Ein neues Königreich für den König der Alpen
12.11.2015 | 11:10
Der Steinbock ist ein Teil der Schweizer Geschichte und gehört zum Tierpark Bern seit dessen Eröffnung im Jahr 1937. Genau so alt ist aber auch das "Steinbockrevier in Bern".
Anlässlich der ersten Tierparkgala stellten wir im November 2014 die Idee, eine neue Steinbockanlage zu bauen, vor. Mit den an der Gala gespendeten Mitteln hat der Tierpark Bern in Zusammenarbeit mit Hochbau Stadt Bern einen Konzeptwettbewerb durchgeführt. Ein Jahr nach der Tierparkgala für den Steinbock können wir heute ein Siegerprojekt vorstellen. Das Projekt der Weber und Brönnimann AG formuliert gestalterische Grundlagen und inhaltliche Strukturen, die nun weiter bearbeitet werden. "Ausgerottet" und doch "gerettet", so könnte das Motto für den Steinbock in der Schweiz und damit auch in Bern lauten.
Am Anfang der Geschichte sieht es für den Steinbock schlecht aus. Im frühen 19. Jahrhundert war er in der Schweiz fast völlig ausgerottet. Jäger und Wilderer schossen ihn nicht nur des Fleisches und der Trophäen wegen, denn eine abergläubische Volksmedizin sah im Tier zusätzlich einen Heilsbringer für fast jedes Gebrechen. Die geballte Kraft des mächtigen Hornträgers hat den Steinbock in den Augen der Menschen zu einem Symbol für robuste Gesundheit werden lassen. Praktisch alles an dieser "kletternden Apotheke" sollte für oder gegen etwas gut sein.
Einen Steinbock zu erlegen war deshalb ein lohnendes Unterfangen. Die Bischöfe von Salzburg betrieben sogar eigentliche "Steinbock-Apotheken". Das alles wurde dem Tier zum Verhängnis. Ab 1809 war die Schweiz endgültig um eine stolze Wildtierart ärmer. Ein beschämendes Detail der Geschichte: Erst im Jahr 1875 wurde der Steinbock auf Bundesebene unter Schutz gestellt; 60 Jahre nach seinem Verschwinden!
Bundesrat setzte sich höchstpersönlich ein
1905 bemühte sich mit Joseph Zemp sogar ein Bundesrat um die Lieferung von Steinböcken von König Vittorio Emmanuele III., scheiterte aber mit seinem Vorhaben. Eine "Kriegslist" wurde geboren. Unterstützer dieser - später zur Guttat mutierten - Straftat waren die Initianten des St. Galler Wildparks. Ihr Helfershelfer: ein italienischer Wilddieb. In einer abenteuerlichen Schmuggelaktion gelangten im Juni 1906 drei Steinböcke, zwei Geissen und ein Bock, von Italien in die Schweiz.
Berufswilderer Giuseppe Bérard hatte sie im königlichen Jagdrevier gestohlen. Dann trug er sie, ständig auf der Hut vor Polizei und Wildschutz, vom Gran Paradiso ins Wallis hinüber. Entlang der Wegstrecke wurden die auf Milchnahrung angewiesenen Steinkitze immer wieder einer Hausziege angesetzt, damit sie fit blieben für die nächste Etappe. Im St. Galler Wildpark Peter und Paul wurden die Kitze schliesslich mit der Flasche grossgezogen. Bald folgten weitere Schmuggeltiere, später auch solche auf legalem Weg.
Der 8. Mai 1911
Am 8. Mai 1911 war es dann so weit: Die ersten fünf im Wildpark grossgezogenen Steinböcke konnten im St. Galler Oberland ausgesetzt werden. Damit war - mehr als hundert Jahre nach dessen Aussterben - freilebendes Steinwild in den Schweizer Alpen wieder Tatsache geworden. Heute leben verteilt auf den ganzen Alpenbogen wieder rund 47'000 Tiere. Die in der Schweiz initiierte Wiederansiedelung ist eine Erfolgsgeschichte von weltweiter Einzigartigkeit.
Der Tierpark Bern nimmt nun diese spannende Geschichte auf und möchte sie mit seinen Besuchenden teilen. Die heutigen Gehege am Aarehang gehören zu den ältesten im Dählhölzli. In den 80 Jahren seit ihrem Bestehen wurden lediglich Massnahmen zur Verhinderung von wachsendem Schaden ausgeführt. Der Tierpark Bern nimmt das zum Anlass, das Areal zwischen der Aareuferanlage und der 2010 neu gebauten Anlage für Bezoarziegen, in eine neue, für Mensch und Tier attraktive Gebirgsanlage umzuwandeln. Darin sollen eine hochalpine Zone und eine Zone mit subalpinem Wald entstehen.
Geplant ist die Inszenierung von Wilderer Giuseppe, auf dessen Spuren die Gäste durch sein Revier geführt werden und die abenteuerliche Geschichte der Rückkehr des Steinwildes miterleben können. Unterwegs machen die Gäste Bekanntschaft mit dem König der Alpen, lernen die Verstecke des Murmeltieres kennen und beobachten die Spiele der jungen Gämskitze.
Überzeugendes Konzept
Mit dem Ziel, überzeugende Konzepte für die Neugestaltung einer langfristig attraktiven Anlage im Aarehang zu finden, hat Hochbau Stadt Bern im Auftrag des Tierparks Bern unter dem Motto: "Mehr Platz für weniger Tiere" eine Konzeptstudie für eine 3500m2 grosse alpine Anlage unter dem Motto "Giuseppes Revier" im Einladungsverfahren in Auftrag gegeben. Die entscheidende Jurysitzung fand am 14.10.2015 statt.