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Erasmus als Perspektive im Beruf und der Liebe

(Bildquelle: infoticker)

Junge Menschen, die einen Teil ihres Studiums oder ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren, eignen sich nicht nur neue Fachkenntnisse an, sondern auch wichtige Querschnittskompetenzen, die von den Arbeitgebern sehr geschätzt werden. Eine neue Studie zur Wirkung von Erasmus, dem EU-Austauschprogramm...

Junge Menschen, die einen Teil ihres Studiums oder ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren, eignen sich nicht nur neue Fachkenntnisse an, sondern auch wichtige Querschnittskompetenzen, die von den Arbeitgebern sehr geschätzt werden. Eine neue Studie zur Wirkung von Erasmus, dem EU-Austauschprogramm für Studierende, belegt, dass sich Absolventinnen und Absolventen mit internationaler Erfahrung sehr viel besser auf dem Arbeitsmarkt behaupten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie über längere Zeit arbeitslos werden, ist nur halb so gross wie bei denjenigen, die nicht zu Studien- oder Ausbildungszwecken im Ausland waren, und fünf Jahre nach dem Abschluss ist ihre Arbeitslosenquote um 23 Prozent niedriger. Die von unabhängigen Experten erstellte Studie ist die bislang umfangreichste dieser Art; sie basiert auf fast 80'000 Rückmeldungen, unter anderem von Studierenden und Unternehmen.

"Die Ergebnisse der Studie zur Wirkung von Erasmus sind sehr aufschlussreich, insbesondere angesichts der unannehmbar hohen Jugendarbeitslosigkeit in der EU. Die Studie belegt: Wenn man zum Studieren oder für ein Praktikum ins Ausland geht, erhöht man damit sehr wahrscheinlich seine Beschäftigungschancen. Mit den Stipendien im Rahmen des neuen Programms Erasmus+ werden zwischen 2014 und 2020 bis zu vier Millionen Menschen die Möglichkeit erhalten, Auslandserfahrung zu sammeln - sei es während des Studiums, der Ausbildung oder für Lehr- oder Freiwilligentätigkeiten", erklärte Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend. Der neuen Studie zufolge suchen 92 Prozent der Arbeitgeber, die Personal einstellen möchten, nach Bewerberinnen und Bewerbern mit Persönlichkeitsmerkmalen, die von Erasmus gefördert werden, darunter Toleranz, Selbstvertrauen, Problemlösungsfähigkeit, Aufgeschlossenheit, Bewusstsein für eigene Stärken/Schwächen und Entscheidungsfreudigkeit. Erasmus-Studierende erzielen bei diesen persönlichen Eigenschaften - sogar schon vor Beginn des Auslandsaufenthalts - höhere Werte; dies haben Tests vor und nach den Auslandsaufenthalten ergeben. Nach der Rückkehr sind diese Werte im Vergleich zu anderen Studierenden im Durchschnitt um 42 Prozent höher.

Höherer Unternehmergeist


Studierende, die ein Erasmus-Stipendium erhalten, haben die Wahl zwischen einem Studienaufenthalt oder einem Praktikum im Ausland. Dem Bericht zufolge wird über einem Drittel der Erasmus-Praktikantinnen und ‑Praktikanten in dem Unternehmen, in dem sie ihr Praktikum ableisten, eine Stelle angeboten. Ferner ist bei ihnen auch der Unternehmergeist stärker ausgeprägt als bei denjenigen, die nicht ins Ausland gehen: Jeder beziehungsweise jede zehnte ehemalige Erasmus-Studierende hat den Schritt in die Selbständigkeit bereits gewagt, und drei Viertel haben die Absicht oder könnten es sich vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Zudem können ehemalige Erasmus-Studierende davon ausgehen, dass sie rascher beruflich aufsteigen: 64 Prozent der Arbeitgeber erklären, dass sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit internationaler Erfahrung mehr berufliche Verantwortung übertragen.

Erasmus verbessert nicht nur die Karriereaussichten, sondern bietet den Studierenden auch eine Erweiterung ihres Horizonts und soziale Vernetzung. 40 Prozent von ihnen haben seit ihrem Abschluss mindestens einmal ihr Wohn- oder Beschäftigungsland gewechselt; dieser Anteil ist fast doppelt so hoch wie bei den Personen ohne studentische Auslandserfahrung. Während 93 Prozent der Studierenden mit internationaler Erfahrung sich vorstellen können, künftig in einem anderen Land zu leben, trifft dies bei denjenigen, die im eigenen Land geblieben sind, nur auf 73 Prozent zu.

Perspektive für die Liebe

Bei ehemaligen Erasmus-Studierenden ist zudem die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch ihre privaten Beziehungen international geprägt sind: 33 Prozent aus dieser Gruppe haben eine Partnerin oder einen Partner mit einer anderen Staatsangehörigkeit - gegenüber 13 Prozent bei denjenigen ohne Auslandsaufenthalt - und 27 Prozent der Erasmus-Studierenden haben ihre langfristige Partnerin beziehungsweise ihren langfristigen Partner im Rahmen des Erasmus-Aufenthalts kennengelernt. Auf dieser Grundlage schätzt die Kommission, dass seit 1987 rund eine Million Kinder aus Erasmus-Partnerschaften hervorgegangen sind.

Das neue Programm Erasmus+ wird im Laufe der nächsten sieben Jahre (2014-2020) bis zu vier Millionen Menschen die Möglichkeit bieten, ins Ausland zu gehen, darunter zwei Millionen Studierenden und 300'000 Hochschulmitarbeiterinnen und ‑mitarbeitern. Darüber hinaus können aus dem Programmbudget auch 135'000 Studierende und Mitarbeiter/innen unterstützt werden, die an Austauschprojekten mit nichteuropäischen Partnerländern teilnehmen. Durch verstärkte sprachliche Unterstützung, flexiblere Regeln sowie zusätzliche Hilfsangebote für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, aus benachteiligten Verhältnissen und aus entlegenen Gebieten wurde ausserdem die Zugänglichkeit des Programms Erasmus+ weiter verbessert.

Hintergrund


In ihrer Strategie für die Modernisierung der Hochschulbildung hatte die Europäische Kommission die Notwendigkeit unterstrichen, Studierenden mehr Möglichkeiten zu bieten, sich im Rahmen von Studien- oder Praktikumsaufenthalten im Ausland zusätzliche Kompetenzen anzueignen. Die EU hat es sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Studierenden, die ins Ausland gehen, bis 2020 auf mindestens 20 Prozent zu erhöhen. Derzeit liegt der Anteil derjenigen, die mit einer öffentlichen Förderung oder auf eigene Kosten einen Studien- oder Fortbildungsaufenthalt im Ausland absolvieren, bei etwa zehn Prozent. Davon erhalten rund fünf Prozent ein Erasmus-Stipendium (diese Angabe basiert auf den neuesten verfügbaren Eurostat-Daten für 2011/12, aus denen hervorgeht, dass von den insgesamt 5,35 Mio. Personen, die in den Erasmus-Teilnahmeländern ein Hochschulstudium abgeschlossen haben, fast 253'000 ein Erasmus-Stipendium erhielten).

Die Studie kombiniert quantitative und qualitative Forschung. Es wurden Online-Umfragen in 34 europäischen Ländern durchgeführt (EU-Mitgliedstaaten, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz und Türkei) und Antworten von über 75'000 Studierenden beziehungsweise Absolventinnen und Absolventen ausgewertet, darunter mehr als 55'000 mit Studien- oder Praktikumserfahrung im Ausland. Zudem nahmen auch 5'000 Hochschulmitarbeiterinnen und ­mitarbeiter, 1000 Hochschulen und 650 Unternehmen (davon 55 Prozent KMU) an den Online-Umfragen teil. Die qualitative Studie konzentriert sich auf acht Länder, die in puncto Grösse und geografischer Lage sehr unterschiedlich sind: Bulgarien, Tschechische Republik, Finnland, Deutschland, Litauen, Portugal, Spanien und Vereinigtes Königreich. Die Arbeiten umfassten Besuche vor Ort, Interviews, Fokusgruppen und Workshops.

Erstellt wurde die Studie zur Wirkung von Erasmus von einem unabhängigen Expertenkonsortium unter der Leitung der spezialisierten Beratungsgesellschaft CHE Consult (Berlin) in Zusammenarbeit mit Brussels Education Services, dem Hochschulnetz Compostela Group of Universities und dem Erasmus Student Network.

Erasmus+, das neue Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, ist im Januar 2014 angelaufen. Sein Gesamtbudget für die nächsten sieben Jahre beträgt fast 15 Mrd. Euro - 40 Prozent mehr als bisher.