SLF-Studie – Lawinen entstehen schneller als gedacht

Lawinenforscher Bastian Bergfeld während eines Experiments in Davos
Lawinenforscher Bastian Bergfeld während eines Experiments in Davos (Bildquelle: Roman Oester / SLF)

Neue Experimente des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zeigen: Risse in instabilen Schneeschichten können sich mit bis zu 130 Metern pro Sekunde ausbreiten, deutlich schneller als bisher angenommen. Die Erkenntnisse könnten künftig helfen, Lawinengrössen und Gefahrenstufen präziser einzuschätzen.

Seit dem 10. Januar 2026 wurden dem SLF hunderte von Wumms und Fernauslösungen gemeldet. Untrügliche Anzeichen für eine kritische Lawinensituation mit einer schwachen Schneedecke. Bei einem Wumm erzeugt eine Schneesportlerin einen Bruch in einer Schwachschicht, der sich als Riss sekundenschnell im Gelände ausbreitet. Erreicht der Riss steiles Gelände, kann es zur Auslösung einer Lawine kommen, einer Fernauslösung. Bisher nahm man an, dass solche Risse sich mit Geschwindigkeiten von zwanzig bis achtzig Metern pro Sekunde ausbreiten. SLF-Forschende wollten es genauer wissen. Sie haben jetzt experimentell nachgewiesen, dass sich Risse schneller ausbreiten als gedacht und dabei sogar die bisher angenommenen, theoretischen Grenzen für diesen Vorgang im Schnee überschreiten.

Mehrere Jahre lang hat SLF-Wissenschafter Bastian Bergfeld versucht, Risse zu initiieren und im besten Fall Lawinen auszulösen und zu vermessen. Allein einen geeigneten Platz für seine Experimente zu finden, dauerte mehr als ein Jahr. Er benötigte eine Forschungsfläche im Freien mit natürlicher Schneedecke im Winter und einer Hangneigung von mehr als dreissig Grad, erklärt der Forscher: «Die Fläche durfte aber nicht in gefährlichem Gelände sein, sonst sind am Ende nach einem Lawinenabgang das Material und der Wissenschafter weg.»

Theoretische Grenzen überschritten

Fündig wurde er schliesslich am Rande von Davos Platz. An seinem Versuchshang versuchte er, in grossen Feldern eine mögliche Instabilität der Schneedecke zu konservieren. «Ich war bei jedem Schneefall da und habe den Schnee aussenrum beiseitegeräumt», erinnert sich Bergfeld. Dann hiess es immer hoffen, dass die Schneedecke instabil wird – und die Lawine nicht wegen eines zufälligen Einflusses von aussen vorzeitig abgeht. «Es kam sogar vor, dass ich allein beim Näherkommen nach einem Schneefall einen Bruch ausgelöst habe, dieser sich jedoch nicht in die isolierten Felder ausbreiten konnte», sagt Bergfeld.

Ging aber alles gut, konnte er dort «Lawinen» gezielt auslösen und mit Hochgeschwindigkeits- und anderen Kameras aus verschiedenen Winkeln aufnehmen. Es zeigte sich, dass sich Risse in Schwachschichten zu Beginn langsam ausbreiten. Doch sobald sie eine kritische Entfernung von fünf bis sechs Metern erreicht haben, nimmt die Geschwindigkeit zu und überschreitet sogar theoretische Grenzen. Die Rissgeschwindigkeit nahm von 50 auf 130 Meter pro Sekunde zu. Computermodelle und einzelne Beobachtungen hatten dieses Verhalten nahegelegt. Die Schwerkraft am Hang dürfte zur beobachteten Beschleunigung führen. «Im Grunde genommen breitet sich der Riss in der Schwachschicht schneller aus, als mit bisherigen Modellen erklärbar war», erklärt Bergfeld. Wobei dieses Verhalten auch in anderen Materialien vorkommen kann. «Aus der Erdbebenforschung war bereits bekannt, dass auch höhere Geschwindigkeiten der Risse möglich sind», sagt Johan Gaume, Leiter der Forschungsgruppe Alpine Massenbewegungen am SLF.

Bergfelds Experimente bestätigen zwar die Computermodelle, aber er sieht auch noch weiteren Forschungsbedarf. Denn seine Lawinen sind unter kontrollierten Bedingungen abgegangen. Das ist im Gelände anders. Jeder Hang hat seine Eigenheiten. «Wir wissen noch nicht, wie häufig diese schnelle Rissausbreitung in der Natur vorkommt und welche Rolle die Eigenschaften der Schneedecke in diesem Prozess spielen», sagt der Wissenschafter.

Wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Lawinenbildung auswirken, ist also noch nicht abschliessend geklärt. Wie gut sich ein Riss in einer Schwachschicht ausbreitet, bestimmt unteren anderem, wie gross die Lawine wird. Es könnte also sein, dass es bei schnellen Rissen weniger leicht zum Rissstillstand kommt, womit die Lawinen tendenziell grösser werden. Sind die Bedingungen für die schnelle Rissausbreitung besser bekannt, liesse sich die zu erwartenden Lawinengrösse besser abschätzen, was sehr nützlich wäre. Die Lawinengrösse ist nämlich nicht nur entscheidend für die Bestimmung der Gefahrenstufe im Lawinenbulletin, sondern auch um die Gefährdung von Objekten abzuschätzen, also für das Risikomanagement von gefährdeter Infrastuktur.

Quelle der Nachricht: SLF